10 Jahre danach: 10 geniale Sites aus dem Web 1.0 (die es nicht mehr gibt)!




Am 10. März 2000 erreichte die  Technologiebörse Nasdaq (Nasdaq Composite)  ihr All-Time-High mit 5.048 Punkten , auch der Neue Markt Index NEMAX 50 sollte seine Tageshöchstmarke nie wieder erreichen. Heute, 10 Jahre später steht der Nasdaq Composite bei rund 2.360 Punkten und es wird noch ein paar Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, bis der Wert vom März 2000 wieder erreicht sein ist.

Viel spannender aber als die Fragen nach dem Verlauf der Börsenindices ist, was in diesen 10 Jahren in der Internet Welt passiert ist und was sich verändert hat. Ich habe daher meine letzten 10 Jahre im WWW nochmals gedanklich Revue passieren lassen und bin auf viele geniale Sites, Tools und Services gestoßen, die vor einigen Jahren noch so hip und in aller Munde waren wie jetzt Google, Facebook, Twitter & Co und die ich gerne und regelmäßig verwendet habe.

 

Alle diese 10 Sites haben eines gemein: Es gibt sie nicht  mehr (bzw. nicht mehr in der ursprünglichen Form)!

 

Hier die Liste meiner Lieblingssites aus anno dazumal, die spätestens mit dem Ende der New Economy mituntergegangen sind und die die meisten User aus der heutigen Netgeneration maximal vom Hörensagen kennen:

1. Pointcast: Einer meiner Nostalgie Favorites: Im Zuge meiner ersten WWW Schritte auf der WU-Wien bin ich (gemeinsam mit meinem jetzigen Kollegen Christoph Schram) auf Pointcast gestossen. Und wir waren begeistert - für 1996 ein wirkliches geniales Push Service für Content und News (heute wäre das so was wie Friendfeed, RSS, Twitter, etc). Geniale Idee zum falschen Zeitpunkt (in diesem Fall zu früh) und Pointcast ist rasch wieder von der Bildfläche verschwunden (BTW: Böse Zungen behaupten, Twitter könnte ein ähnliches Schicksal erleiden...).

2. Altavista: Kaum jemand, der Ende der 90iger Jahre nicht mit Altavista das Web durchsucht hat. Altavista war der Platzhirsch und mit 50 Mio USD Werbeeinnahmen p.a. auch schon wirtschaftlich recht erfolgreich. Und dann kam Google! Anfangs (bei nur rund 25 Mio indizierter Seiten) waren die Suchergebnisse der beiden Suchmaschinen ziemlich ähnlich, das einzige Argument pro Google war für mich damals die werbefreie Startseite. Das sollte sich jedoch schnell ändern und mit dem rasanten Aufstieg von Google begann der noch schnellerer Abstieg von Altavista.

 3. Excite: Ein damals super innovatives und personalisierbares Internetportal samt guter Suche und Webverzeichnis. Aber neben Yahoo war damals kein Platz und trotz Fusion mit dem Breitbandanbieter @home geriet Excite in Geldnot und wurde verkauft. Die Site ist unter www.excite.com nach wie vor erreichbar, das Design ist noch von damals (und somit schon wieder cool) und man hat auf der Seite den Eindruck, dass einfach vergessen wurde, sie abzudrehen und seit 10 Jahren niemand mehr drauf war.

4. Napster: The music industry's worst nightmare! Damit hat alles begonnen, der Anfang vom Ende eines genialen Geschäftsmodells (das der Plattenlabels). Man hat zwar mit vereinten Kräften Napster in die Knie zwingen können, aber die Idee und der Geist von Napster lebt weiter. Egal ob auf diversen nach wie vor von einigen als "illegal" bezeichneten P2P Filesharing Sites, in Musikcommunities wie MySpace oder in kommerziellen Diensten wie iTunes, Nokia Music oder Spotify. Zum Glück wusste Gründer Shawn Fanning im Jahr 1999 nicht, dass Napster im Jahr 2010 einmal ein Tochtunernehmen von "Best Buy" sein wird und nun für deren Online Musik Dienst herhalten muss..

5. NCSA Mosaic: Für alle jene, die nach der Mondlandung geboren sind: das war der erste richtige Internet Browser (auf dem später der Netscape Navigator aufgesetzt hat). Damit konnte man nicht nur ins WWW, sondern was damals viel spannender war (denn deutlich mehr Inhalte verfügbar) auch usenet und gopher verwenden (ev. auch wais, aber da bin ich mir nicht sicher)

6. Netscape: Und damit sind wir schon beim nächsten Hot-Shot, das es nicht geschafft hat. Aber Mitte/Ende der 90iger Jahre hat Netscape den etablierten Firmen va. Microsoft ziemlich eingeheizt. Ich erinnere mich noch an ein Interview mit Bill Gates, wo er sinngemäß meinte: "The only thing that keeps me awake at night (except from my kids) is Netscape". Mit dem Netscape IPO im Jahr 1995 begann auch der Tech-Stock Wahnsinn an den Börsen: Am ersten Tag stieg der Netscape Aktienkurs von 28 USD auf 75 USD - damals ein Rekord. Doch Microsoft konnte das Ruder nochmal rumreissen und den Internet Explorer als Standardbrowser etablieren (die Versionen IE5 und IE6 hatten schliesslich 2002/2003 rund 95% Marktanteil) - und damit begann auch der Stern von Netscape zu sinken. Der Verkauf an AOL im Jahr 1998 war der Anfang vom Ende...

7. boo.com: Einer meiner Lieblingssites! Gegründet 1998 (ua. vom ex-Elite Model Kajsa Leander), war boo.com die erste Online Shop Adresse für "fashion brands". 2000 war das Geld (immerhin 135 Mio USD) verbraucht und eine neue Finanzierungsrunde war Anfang 2000 nicht mehr zu stemmen. Boo.com war das erste renommierte dot-com Unternehmen, dass die Pforten schliessen musste und markiert (abseits vom Geschehen an den Börsen) den Anfang vom Ende der New Economy Ära. Die Gründe fürs Scheitern waren im nachhinein schnell ausgemacht: Ich erinnere mich zB. noch an die damals genialen Animationen und 3D Darstellungen der Kleidungsstücke (damals wirklich state-of-the-art und nicht alltäglich) - jedoch funktionierte das nur mit einem eigenen "browser-plugin" und das nicht auf jedem Rechner (zb. nicht am Apple Mac, obwohl Apple Anwender die  primären Zielgruppe waren..)

8. Geocities: Ende der 90iger Jahre bis Anfang 2000 konnte man keine 10 Minuten surfen, ohne dass man nicht irgendwann auf einer "Geocities" Seite gelandet ist. Dort konnte man als Otto Normalverbraucher ohne zu zahlen seine Webseiten hosten, damals keine Selbstverständlichkeit. Daher auch Schade, dass Yahoo (nachdem sie Geocities 1999 um 3 Mrd. USD gekauft haben) den Dienst 2009 endgültig abgedreht hat (ein langer, qualvoller Tod -  Geocities hätte sich einen würdigeren Abschied verdient!)

9. Webvan: Der ganze Wahnsinn der New Economy lässt sich am Beispiel Webvan bestens beschreiben: 1999 als Online Supermarkt gegründet, mit dem Ziel, in ganz USA Bestellungen innerhalb von 30 Minuten auszuliegern hat Webvan innerhalb von 18 Monaten 1 Mrd. USD "geburned" und ist 2001 in Konkurs gegangen. Dabei waren dort keine Anfänger am Werk: CEO war der weltweite ex-Accenture Chef (damals noch Andersen Consulting), Investoren waren Amazon, Yahoo, Sequoia. Unvergesslich: der riesige walk-in Humidor in San Francisco!

10. Compuserve: Last, but not least wieder ein Klassiker. Ich werde jetzt noch sentimental, wenn ich mich zurückerinnere wie ich mich mit Baudrate 1200 in den Datendienst Compuserve eingewählt habe, um News im ASCII Format zu lesen. Trotzdem schade drum! Meine Compuserve ID (100117,641), kann ich jetzt noch im Schlaf aufsagen, obwohl ich den Dienst um 2000 das letzte Mal verwendet habe (nach den Übernahme durch AOL gings bergab). Aber eines hat Compuserve der Internet-Nachwelt hinterlassen: das Grafikformat GIF wurde von Compuserve erfunden und das lebt trotz Flash, Silverlight & Co nach wie vor weiter.

 

Was bleibt als Résumé? All diese Sites hatten damals schon Konzepte, die heute mehr nachgefragt sind als je zuvor - trotzdem hat es die ursprüngliche Idee nicht geschafft, sich durchzusetzen. Die Frage ist natürlich warum. Dafür gibt es mehrere Antworten bzw. Erklärungen:

  • Viele Ideen von vor 10 Jahren funktionieren jetzt erst, weil jetzt eine kritische Masse an Usern/Konsumenten  (mit vernünftigen Breitbandanschlüsen) online ist (was damals einfach nicht der Fall war) und auch auf der Kostenseite econmies of scale erzielbar sind (Beispiel: 1 GB Webstorage hat vor 10 Jahren pro Monat 1.250 USD gekostet, jetzt 0,15 USD. Die Jahresgebühr für eine Domain ist von 129 USD auf 10 USD gefallen. Quelle: Wired 03/2010)
  • Sites wie Boo.com oder Webvan hatten für mich immer den touch "von nerds, für nerds" - da kommen zwar oft wirklich coole Produkte raus, aber im seltensten Fall lässt sich das gewinnbringend betreiben. Die Richtung jedoch hat gestimmt! Wenn man bedenkt, dass Textilien in Europe die e-Commerce Rangliste als unmsatzstärkste Kategorie anführen, dann hatten die Gründer von boo.com schon den richtigen Riecher - nur zum erfolgreichen Unternehmertum gehört eben mehr als eine gute Idee zu haben. Man muss sie auch langfristig zum Fliegen bringen - das unterscheidet eben die erfolgreichen von den unerfolgreichen Entrepreneurs.
  • Ein  weiterer Aspekt ist das Thema Innovation - viele geniale und auch breit genutzte Dienste haben einfach nicht damit gerechnet, wie schnell in der online Welt ein Mitbewerber ums Eck biegen kann (von dem vorher noch nie jemand etwas gehört hat) und der ein spezielles User Bedürfnis schneller, einfacher, günstiger abdecken kann oder eine komplett neue Nachfrage schaffen kann. Ein gutes Beispiel dafür sind Suchmaschinen: Von den ersten Webcrawlern über Lycos und Altavista zu Google. Es hat immer nur wenige Jahre gedauert, bis der Platzhirsch seine führende Position wieder verloren hat. Und jetzt? Kann noch jemand Google vom Thron stossen? Sicher nicht mehr so leicht wie früher, aber ich bin mir sicher, dass search.twitter.com Larry Page und Sergey Brin die gleichen schlaflosen Nächte bereiten wie Bill Gates im Jahre 1995  Netscape. Detto im Bereich der Social Networks: wer kennt noch Frienster, Orkut oder Myspace?
  • Und last but not least muss natürlich auch erwähnt werden, dass viele dot-com Startup zwar gute Idee hatten, aber von Betriebswirtschaftslehre keine Ahnung hatten (und auch keine Interesse daran hatten, es zu lernen). Viele Gründer und auch Manager haben einen Großteil ihrer Zeit damit verbracht, neues Geld aufzustellen anstatt sich zu überlegen, wie man auf Basis des operativen Geschäftes Geld verdienen könnte. Die "Burn-Rate" war eine unantastbare Konstante im Business-Plan. Das ist jetzt anders... zum Glück! (oder???) ;-)

 

 

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